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Das Schweizer Taschenmesser unter den Mikrofonen: Das SM57

Von Snare Drums bis zu Gitarrenverstärkern – das legendäre SM57 ist das Schweizer Taschenmesser unter den Mikrofonen. Aber eignet es sich tatsächlich für alle Anwendungen? Frag doch einfach mal Questlove, Bon Iver oder den Präsidenten der Vereinigten Staaten.
March 14, 2023 |
SM57

Bevor er der König der Indie-/R&B crossover-Collabs wurde, vergrub sich Justin Vernon in eine Hütte im tiefsten Wald von Wisconsin, um sein legendäres Album Bon Iver mit nur einem Mikrofon aufzunehmen: seinem treuen SM57. Der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt. 

Warum hat Vernon sich gerade dieses Mikrofon ausgesucht? Viele Mikrofon wurden für spezielle Anwendungen entwickelt – für die Bühne oder das Studio, für Gesang oder Schlagzeug. Aber nicht das SM57. Es ist das sprichwörtliche Schweizer Taschenmesser unter den Mikrofonen.

Dieses Mikrofon kann wirklich alles. Es ist perfekt für Gitarren. Professionell für Schlagzeug. Wie Bon Ivers mystische, gelayerte Vocalsounds zeigen, ist es auch perfekt für Gesang. Und wenn Ihr mal einen Nagel in die Wand hauen müsst, kann es das auch.

Das Vermächtnis

Bevor wir genauer darauf eingehen, was das SM57 heute alles kann, blicken wir erst einmal in die Vergangenheit. Denn dieses Mikrofon hat eine echt spannende Geschichte. 

„Alles begann 1959 mit dem Unidyne III", erklärt Shure Historiker Michael Pettersen. „Diese Mikrofonkapsel wurde ursprünglich in einem Mikrofon namens Model 545 eingesetzt. 

„Zum ersten Mal nutzten James Brown und Mick Jagger das Model 545 bei der T.A.M.I Show 1964 auf der Bühne – davon gibt es einige geniale Clips auf YouTube."

Die Unidyne-Kapsel wurde 1965 in das brandneue SM57 eingebaut und lieferte auch in diesem Mikrofon hervorragende Resultate. Tontechniker:innen wurde schon bald klar, dass man damit fast alles aufnehmen konnte – und zwar richtig gut. 

„Es ist großartig für Snare Drums, bei denen habe ich es schon oft im Einsatz gesehen", sagt Pettersen. „Es klingt auch bei Gitarrenverstärkern hervorragend, vor allem bei besonders lauten Verstärkern, weil man es nicht überlasten kann. Und natürlich funktioniert es auch bei Percussion, Toms... einfach allem."

Was ist aber nun der Unterschied zwischen dem SM57 und seinem berühmten Verwandten, dem SM58?

„Im Grunde sind diese Mikrofone identisch, nur hat das SM58 einen kugelförmigen Mikrofonkorb und das SM57 nicht", erklärt Pettersen. „Daher lassen sich Klangquellen etwas näher an der Membran des SM57 positionieren, wodurch es etwas anders klingt."

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Die Fans

Sein makelloser Ruf und seine enorme Flexibilität haben dazu geführt, dass alle, die etwas auf sich halten, schon einmal ein SM57 genutzt haben. 

Wie Justin Vernon aka Bon Iver hat auch der Indie-Songwriter Sufjan Stevens sein erstes legendäres Hitalbum mit nur zwei SM57 aufgenommen. Produzenten-Mastermind Rick Rubin hat es für die Kick und die Vocals seiner Aufnahmen der Funk-Punkrocker von den Red Hot Chili Peppers genutzt. Und die lebende Legende Niles Rodgers hat all seine Gitarrenparts für den Superhit „Get Lucky" von Pharrell und Daft Punk mit einem SM57 aufgenommen.

„Es ist einfach ein cooler und wegweisender Teil der Musikgeschichte", sagt Pettersen. „Ich hab letztens die ,Summer of Soul'-Dokumentation von Questlove gesehen und bemerkt, dass da alle Musiker:innen in ein SM57 gesungen haben. Das war echt cool.

„Und wenn man bei der Tonight Show mit Jimmy Fallon mal auf Questlove achtet, stellt man fest, dass er auch dort für Teile seines Drumkits ein SM57 nutzt. Es schreibt also bis heute Geschichte – genauso wie alle, die es nutzen."

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Und dann ist da natürlich noch der US-Präsident.

„Der erste US-amerikanische Präsident, der es genutzt hat, war Lyndon Johnson im Jahr 1965", erklärt Pettersen. „Davor nutzten die Präsidenten viele unterschiedliche Mikrofone. Doch dann bemerkte irgendjemand im Weißen Haus, dass man eine gewisse Kontrolle darüber haben sollte, wie der Präsident bei Ansprachen klingt. Seitdem wurde es von allen genutzt … und in der ganzen Zeit ist kein einziges ausgefallen.“

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Die Magie

Ein Grund für seine absolute Zuverlässigkeit ist, dass das SM57 extrem einfach und präzise konstruiert ist. 

„Mit dem SM57 kann kaum etwas schiefgehen", sagt John Born, Shure Head of Wired Microphones. „Das SM57 besteht aus nur knapp 40 Bauteilen, von denen keines wirklich komplex ist. Und es ist ein dynamisches Mikrofon, weshalb es ohne Stromversorgung funktioniert."

Aber „einfach" bedeutet natürlich nicht „simpel".

„Es ist leicht, ein funktionierendes dynamisches Mikrofon zu bauen, aber enorm schwierig, ein gutes herzustellen", sagt Born. „Man muss nicht nur den Frequenzgang austarieren, also die Klangfärbung. Man muss auch die Richtcharakteristik ausbalancieren, also die Richtung, aus der der Schall aufgenommen wird.“

Was ist diesbezüglich das Geheimnis unseres berühmten Mikrofons?

„Es ist fast unmöglich, beide Aspekte gleichwertig und ohne Kompromisse perfekt zu gewichten", sagt Born. „Aber irgendwie hat das beim SM57 geklappt."

Und haben wir schon erwähnt, dass es so gut wie unzerstörbar ist? 

„Wir sind drübergefahren, haben es von Gebäuden fallen lassen und auch mal literweise Wasser darübergekippt – und es hat danach noch funktioniert", fügt Pettersen hinzu. „Es ist auf Langlebigkeit ausgelegt. Ich habe sogar mal YouTube Videos gesehen, in denen Menschen es als Hammer verwendet haben und es nachher immer noch aufnehmen konnte.”

Auch klangtechnisch ist es unzerstörbar – selbst bei unmenschlichen Pegeln. 

„Es müsste schon direkt neben dem SM57 eine Rakete starten, damit es kaputt geht", schmunzelt Pettersen. „Sogar wenn man so laut wie nur möglich singt oder einen Verstärker auf Anschlag spielt, kommt das SM57 damit klar."

Kombiniert man seine berühmte Langlebigkeit mit dem unverwechselbaren Sound, wird klar, warum man heutzutage ein SM57 sowohl in schicken Apple-Werbevideos wie auch über einem Schlagzeug bei einer lokalen DIY-Punk-Show antrifft.

„Jede Generation entdeckt es neu für sich", bestätigt Pettersen. „Es ist ein tolles Einsteigermikrofon, weil es alles aufnehmen kann und ewig hält. Und es funktioniert genauso für die Pros. Wenn sie ihre Produzenten fragen, welches Mikrofon sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden, ist es meist das SM57.

Hol dir hier dein eigenes Schweizer Taschenmesser, äh... SM57!

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Andrew Anderson
Andrew Anderson is a freelance writer for Shure. When he isn't touring with one of his several bands, you will find him hunched over his desk at home writing articles for the likes of Vice, The Guardian, Loud & Quiet and more.